Lange habe ich drauf gewartet, im März dieses Jahres war es endlich so weit:
Xenogears landete in meiner Playstation!
In einer mechanisierten, aber trotzdem recht mittelalterlich anmutenden Welt übernimmt man die Kontrolle über den jungen Fei, der von Erinnerungslücken geplagt wird und in dem kleinen Dörfchen Lahan lebt. Lahan liegt an der Grenze der Krieg führenden Länder Aveh und Kislev, und so dauert es auch nicht lange, bis die anfängliche Idylle gestört wird. Eines Nachts kommt Fei durch Zufall in den Besitz eines außergewöhnlichen Mecha und weckt damit die Begehrlichkeiten von gleich mehreren Parteien, die ihn auf ihre Seite zu ziehen versuchen. Unser Held wird damit in weit größere Ereignisse hineingerissen, als ihm lieb ist – und nicht zuletzt muss er sich im Verlauf der Geschichte seiner eigenen düsteren Vergangenheit stellen.
Für mich steht außer Frage, dass man es bei Xenogears mit einem Meilenstein in der Geschichte der Videospiele zu tun hat. Es sind so viele interessante Ideen verarbeitet, dass es tatsächlich schwierig ist, an bestimmten Punkten anzusetzen oder manche Dinge ganz auszulassen, wenn man beim Schreiben nicht den Rahmen und die Geduld des Lesers sprengen möchte. Gleichzeitig bedeutet dieser Reichtum an Ideen, dass die Entwickler sie passend zusammenfügen müssen und im Falle eines Spiels den Spielspaß nicht zu kurz kommen lassen dürfen.
Gleich vorweg möchte ich sagen: Xenogears war eines der wenigen Spiele in den letzten Jahren, bei dem ich nicht von Anfang an auf „Effizienz“ geachtet habe. Zur Abwechslung bin ich gerne durch die Städte getrollt, habe mich mit Bewohnern unterhalten und wollte immer noch mehr Zeit in dieser fantastischen Welt verbringen und alles entdecken. Ein Pluspunkt dabei waren einige unterhaltsame Nebensächlichkeiten (beispielsweise das Karten-Minispiel) und der für ein 90er-Jahre-Square-RPG unüblich niedrige Schwierigkeitsgrad. In besonders verwirrenden Dungeons bekommt man sogar hilfreiche Karten zur Verfügung gestellt und manchmal tun sich praktische Abkürzungen auf, sobald man den Großteil eines Abschnitts hinter sich gebracht hat. Manche Bosse muss man zwar mehr als einmal angehen, meistens klappt es aber mit der richtigen Strategie dann doch, sodass man nicht stundenlang trainieren muss.
Die Geschichte, die sich entfaltet, nimmt Ausmaße an, die man zunächst, ganz unbedarft, nicht vermuten würde. Man kämpft in Mecha-Schlachten an der Seite eines Freundes, der seinen Thron zurückerobern möchte, besucht isolierte Zivilisationen und entdeckt die eigene Vergangenheit. Besonders ab der zweiten Disc macht die Handlung den Eindruck historischer Bedeutsamkeit – schade allerdings, dass Square damals dem Projekt die Ressourcen entzog, um sich auf Final Fantasy VIII zu konzentrieren. Man sieht, wohin die Entwickler wollten, liest aber größtenteils nur noch Texte und bekämpft ab und zu ein paar Bosse. Ich bin geteilter Ansicht über diesen aus der Notwendigkeit geborenen Wechsel des Erzählstils und werde darauf noch zu sprechen kommen.
Geäußerte Vorwürfe, die Entwickler hätten an einigen Stellen zu hoch hinaus gewollt, kann ich bedingt nachvollziehen. Zunächst einmal möchte ich grundsätzlich niemanden für hohe Ambitionen verurteilen und zu bedenken geben, dass die Budget-Kürzung vermutlich recht überraschend kam und nicht mehr alle Ideen so wie geplant verarbeitet werden konnten. Das schließt leider auch mit ein, dass relativ spät zur Gruppe hinzugestoßene Charaktere nicht mehr in aller Ausführlichkeit behandelt werden. Allerdings gab es auch schon auf der ersten Disc, abgesehen von den Charakteren, Dinge, bei denen ich mich gefragt habe, ob es des Guten nicht ein wenig zu viel ist.
Es vergeht zwar kaum eine halbe Stunde, ohne, dass etwas passiert, aber gerade dadurch verlieren einzelne Situationen ein wenig an Bedeutung. Man erlebt vieles, hat aber trotzdem das Gefühl, nicht wirklich vorwärts zu kommen. Vieles scheint im übergeordneten Kontext wie bloßes Geplänkel, was zumindest bei mir ein wenig demotivierend war. So kam es denn auch, dass zwischen Intro und Abspann mehr als drei Monate lagen, obwohl als tatsächliche Spielzeit „nur“ 40 bis 45 Stunden zu Buche standen.
Und so kam es auch darüber hinaus dazu, dass ich die Schnelligkeit der zweiten Disc zu schätzen wusste. Dieser „Buchform“ wohnt in der Tat eine gewisse Ambivalenz inne. Obwohl sie viele Nachteile mit sich bringt, sammelt sie die demotivierten Spieler wieder ein und vielleicht ist es sogar gerade sie, die die Geschichte noch epischer macht, indem sie sie, etwa gleich einer Legende, nacherzählt.
Andererseits möchte ich mich auch hier nicht zu kühnen Theorien hinreißen lassen. Xenogears ist eines dieser Spiele, die man wohl zweimal spielen sollte, bevor man zu einem begründeten Urteil kommt. Eure Reise ist durchsetzt mit vielen verwirrenden Nebenszenen und irgendwann türmen sich Fragen über Fragen, die erst mit der Annäherung ans Ende entknäuelt und beantwortet werden. Grahf, Id, Wiseman, Gazel Ministry… oder auch die Charakterentwicklungen von Fei, Elly, Ramsus und den zahlreichen Nebencharakteren bis hin zu Hammer bergen einen solch immensen erzählerischen Wert, dass es selbst für mich als Außenstehenden äußerst schwierig erscheint, die einzelnen Teile sinnvoll miteinander zu verbinden, ohne das Gesamtprodukt wie einen Flickenteppich aussehen zu lassen.
„Flickenteppich“ ist auch immer wieder das Wort, das mir im Zusammenhang mit Feis Persönlichkeit einfällt: lange Zeit weiß man nichts über seine Vergangenheit und sieht ihn lediglich handeln. Ich fand es in besonderem Maße schwierig, eine Bindung zu einem solchen Charakter aufzubauen. Man meint, ihn zu verstehen, obwohl man gleichzeitig weiß, dass da irgendwas im Dunkeln lauert, von dem man noch keine Ahnung haben kann. Ausschnitte aus der Vergangenheit werden nur nach und nach enthüllt. Mit Elly verhält es sich ähnlich, auch wenn dieser Charakter in mehrerer Hinsicht weniger fragmentarisch dargestellt wird. Häufig wird Xenogears mit Neon Genesis Evangelion verglichen, was ich sehr interessant finde. Fei erschien mir sowieso nicht selten wie Shinji: er will eigentlich gar nicht kämpfen und wird lediglich von äußeren Umständen mitgerissen. Er ist also nicht der typische Videospiel-Held – für mich ist das in jedem Falle positiv.
Dominiert werden sowohl Xenogears als auch Evangelion von religiösen Motiven, wobei man weder das Spiel noch die Anime-Serie auf das Thema Religion oder Religionskritik reduzieren sollte. Es geht bei beiden um ein ganzes Sammelsurium von Fragen und Denkrichtungen, die um den Menschen an sich – quasi also das Menschsein – kreisen. Die Einflüsse großer Denker sind für diejenigen, die sich etwas besser auskennen, eindeutig zu erkennen. Doch auch Verbindungen der ganz anderen Art lassen sich feststellen: die in Xenogears verwendeten Anime-Sequenzen erinnern frappierend an NGE. Dachte ich zunächst, da sei bloß Gevatter Zufall am Werk, fand ich bald heraus, dass der Umstand ganz logisch damit begründet werden kann, dass das Anime-Produktionsstudio Production I.G, zuständig für die Evangelion-Filme, auch mit der Arbeit an den Xenogears-Sequenzen beauftragt worden war. Schade, dass die englische Synchronisation der eigentlichen Qualität nicht gerecht wurde.
Rein künstlerisch weiß Xenogears, das von der spielimmanenten Grafik her schon anno 1998 nicht überragend gewesen sein dürfte, auch noch durch viele andere Kleinigkeiten zu gefallen. Beispielsweise ist die „Kameraführung“ in der Kanalisation bei mir hängengeblieben: auf der Suche nach einem Monster, welches mehrere Soldaten umgebracht hat, sieht man die eigene Gruppe – wie in einem Horrorfilm – teilweise aus der Sicht des Ungetüms. Das eigentümliche Sci-fi-Setting sagte mir ebenfalls sehr zu. Ländlich-bäuerliche Regionen und heruntergekommene Städte, deren Bewohner von den Menschen der hochmodernen Zivilisation Solaris lediglich als „Lambs“ bezeichnet und ausgenutzt werden, zeichnen ein düsteres und futuristisches Ambiente. Ergänzt wird dies durch das gelungene Mecha-Design, das auch die unterschiedlichen Fähigkeiten der Maschinen, wie deren Wendigkeit oder Waffen, berücksichtigt.
Getragen wird das Geschehen von einem passenden Soundtrack, der von Yasunori Mitsuda beigesteuert, aber meines Erachtens leicht überbewertet wird. Die rundenbasierten Kämpfe bieten aufgrund der Unterscheidung zwischen Mecha und Mensch genügend Abwechslung, auch wenn mir bis heute nicht einleuchten will, weshalb die Death Blows, also die von euren Charakteren als Menschen ausgeführten Spezialattacken, meistens stärker sind als eine Kombination bloß normaler Attacken und gleichzeitig noch mehr AP für eine Super-Combo einsparen.
Aber so etwas stört bei einem solch großartigen Werk wirklich nur am Rande. Was den Spielspaß angeht, so gibt es sicherlich besseres als Xenogears, aber vermutlich werden nur die wenigsten Titel ebenso zum Nachdenken anregen. Häufig musste ich im Zusammenhang an die literarischen Klassiker denken, die doch „jeder einmal gelesen haben sollte“, die aber nicht durchgängig Spaß bringen, sondern ihren Wert hauptsächlich aus den Erkenntnissen schöpfen, die sie vermitteln. Ganz so schlimm ist es bei Xenogears dann aber doch nicht. Von daher: ran da, falls ihr es noch nicht gespielt habt!



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