Wenn sämtliche Fachpublikationen sich mit Top-Wertungen überwerfen und selbst aus den angrenzenden Fanboy-Lagern keine allzu großen Störfeuer mehr kommen, dann kann man als geneigter Spieler durchaus den Fehler begehen, der mir mit Super Mario Galaxy passierte: man erwartet schlichtweg ein bisschen zu viel. Ja, ich weiß, das ist so ein hammerhartes Urteil, davon erholt sich das Spiel bestimmt nie wieder! Am besten wäre aber wohl, wenn ich ganz von vorn anfinge.
Im Jahre 2002 erschien Super Mario Sunshine für den GameCube und avancierte alsbald zu einem meiner Lieblingsspiele für die genannte Konsole. Es war motivierend, hatte diese tolle, einzigartige Urlaubsatmosphäre und einen ebenso unverkennbaren Soundtrack. Die Fachpresse vergab überwiegend Bestnoten, Nintendo betrieb sogar noch die zu GameCube-Zeiten fast nicht vorhandene Fernsehwerbung und alle waren sich einig, hier einen dieser Flaggschiff-Titel vor sich zu haben, über den sich eine Konsole naturgemäß definiert.
Doch dann kamen die Zweifler. Wie nach einer durchzechten Nacht, an deren nächsten Morgen man mit Kopfschmerzen im Bett aufwacht und sich fragt, wer eigentlich die Person ist, die da neben einem liegt, begannen die Leute, die Qualität des Titels in Frage zu stellen und des Klempners Inselurlaub mehr und mehr zu verurteilen. Geradezu martialisch wurde ihm der Titel als würdiger Nachfolger des N64-Meilensteins entrissen und übrig blieb ein gutes Spiel, das aber viel belächelt wurde, und eine Horde Spieler, die lieber weiter auf ihr „Super Mario 128“ warteten.
Davon ließ sich auch Nintendo anstecken. Verkappt bezeichnete Reggie auf der E3-Konferenz 2007 Super Mario Galaxy als ersten würdigen Nachfolger von Super Mario 64. Was Miyamoto wohl insgeheim dabei gedacht haben mag? Erst als vor kurzem Super Mario Galaxy 2 angekündigt wurde, das allem Anschein nach ein Klon mit anderen Levels und höherem Schwierigkeitsgrad werden wird, habe ich erstmals ernsthafte Kritik an Super Mario Galaxy lesen können. Frei nach dem Motto: „Was? Wir brauchen gar nicht mehr zwanghaft an diesem Titel festhalten, als ob es kein Morgen mehr gäbe? Dann waren unsere ganzen Lobpreisungen ja gar nicht so ernst gemeint, HAHAHA. “
Jetzt mal ernsthaft: So nicht.
Nintendo hat in den letzten Jahren eine Strategie entwickelt und ausgebaut, mit der sie zwar kommerziell sehr erfolgreich fahren, mich (und viele andere) aber nicht wirklich zufrieden stellen. Mehr und mehr werden Spielkonzepte recycelt, durchschnittliche Produkte zu Top-Titeln hochstilisiert und ans Herz gewachsene Serien an die neue Casual-Kundschaft angepasst. Wo Probleme vorliegen, sollte man diese auch zur Kenntnis nehmen und nach Möglichkeit ansprechen, anstatt sich selbst und andere zu betrügen, indem man sie schönredet. Die ursprüngliche Fassung dieses Textes las sich vermutlich bereits wie ein Verriss, weil sich dieser Trend der Neuausrichtung bis zu einem gewissen Grad auch bei Galaxy feststellen lässt – allerdings musste ich einsehen, dass es in diesem Falle sehr intelligent gelöst wurde. Vor allem zwei Dinge stießen mir aber zunächst sauer auf:
Bis zum Boss-Fight mit Bowser ist das Spiel lächerlich leicht. Zu sterben ist ungefähr so schwierig wie im Puff keine Frau abzubekommen [---Aussage basiert übrigens auf einer Vermutung---]. Was wurde der Vorgänger für diesen Umstand nicht kritisiert! Als erfahrener Spieler geht man eigentlich nur vor die Hunde, weil entweder die Kamera nicht rechtzeitig mitzieht und man demnach übersieht, dass man ausnahmsweise mal nicht auf der Unterseite seiner Plattform rumlatschen darf – oder weil die Schabernack-Kometen ihre Finger im Spiel haben.
Und freilich, andere sehen in der Masse an kurzen Welten ein riesiges Potenzial an Abwechslung, mir mangelte es aber eindeutig an Tiefe und liebevoller Gestaltung. Wo ich in Sunshine noch an manchen Punkten Halt machte von der Hatz auf die Insignien, um die schöne Level-Architektur, einen Sonnenuntergang oder das glitzernde Wasser zu beobachten, meinetwegen auch um Verstecke der blauen Münzen zu entdecken, geht es beim Wii-Titel Schlag auf Schlag. Geheimnisse sind so gut wie nicht vorhanden und wo dies doch der Fall ist, wird man immer freundlich darauf hingewiesen – aufgrund der Linearität der Level kann man sie dann auch nicht mehr verfehlen.
Gemindert werden diese Kritikpunkte durch den Verlauf ab der zweiten Hälfte des Spiels, die einen Großteil der angesprochenen „intelligenten Lösung“ ausmacht. Das Spiel wird nämlich zusehends schwieriger, wenn man versucht, sich tatsächlich alle Sterne anzueignen. Zwar wirken die bereits herunter gedudelten Credits wie eine kalte Dusche auf den eigenen Ehrgeiz, doch wäre man ja kein wahrer Gamer ohne dieses „100% geschafft“-Leuchten in den Augen. Und so verbringt man denn – auch dank der nicht ganz so populären lila Münzen – in manchen Levels vielleicht mal mehr als nur ne Handvoll Minuten, muss sich umsehen und nicht nur durchrennen. So wird man, finde ich, beiden Extremen von Spieler-Typen gerecht (Gerüchte besagen übrigens, dass auch die wenig beachteten Normalos nicht zu kurz kommen).
Andere können gerne noch kritisieren, dass selbst die späteren Welten nicht schwierig genug sind – ich sollte mich da aber lieber zurückhalten, weil ich schon an so manchen schaffbaren Spielen kläglich gescheitert bin.
Die außergewöhnlich positive Rezeption ist eventuell damit zu erklären, dass für viele Spieler die Rückbesinnung auf alte Tugenden wichtig gewesen sein könnte. Dazu gehören dann eben auch Dinge wie die Abwechslung durch verschiedene Welten, selbst wenn diese für mich aufgrund ihrer Anordnung nicht immer in Erinnerung bleiben werden und Tiefe vermissen lassen. Dazu gehört aber auch, und hier habe ich auch keine Kritik zu üben, dass es Passagen in 2D gibt und Items wie den Stern, der einen unverwundbar macht, oder eben die gute alte Feuerblume. Mit Mario Sunshine wischt es deshalb trotzdem nicht den Boden auf. Dieses vermeintliche Überspiel, für das es überall gehandelt wird, offenbart trotz seiner handwerklich weitestgehend unheimlich guten Ausführung ebenso Schwächen, die bisher aber irgendwie unter den Teppich gekehrt wurden. Das trifft im Übrigen auch auf die unaufregende Musik zu, die zwar wieder einmal mit einigen Neu-Arrangements aufwartet, aber an neuen Stücken nur „To the Gateway“ in meinem Gedächtnis zu verankern imstande war.



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