Man kann von Electronic Arts halten, was man will – doch dass man beim größten Publisher nach Activision Blizzard weiß, was die Massen begeistert, scheint wohl eine unbestreitbare Tatsache zu sein. Neben jährlichen Updates in der Sparte der Sportspiele und den vielen Film-Umsetzungen hat man nun anscheinend auch das Genre der Musikspiele für sich entdeckt. Dazu holte man sich das ursprüngliche Entwicklerstudio der derzeit wohl populärsten Reihe in diesem Bereich an Bord: Harmonix Music Systems, seines Zeichens verantwortlich für die Anfänge von Guitar Hero, einer Serie, die seit dem dritten Teil von Neversoft weitergeführt und inzwischen von Activision gepublisht wird.

Dabei herausgekommen ist Rock Band, in Europa das allerdings zunächst aufgrund eines Exklusiv-Vertrags nur für die Xbox360. Dass solche Exklusiv-Verträge manchmal mit der Zeit ihre Gültigkeit verlieren, wissen überzeugte Nintendo-Fans noch schmerzlich von den Capcom Five und so kam es denn auch, dass Rock Band im September mit der zeitlichen Verzögerung einiger Monate ebenfalls für die Wii sowie PS3 und PS2 auf den Markt kam.

Muss ich im Vorfeld noch viele Worte über das Spielkonzept verlieren? Ich hoffe nicht. Musik zu erklären, oder im Allgemeinen auch selber zu fabrizieren, bin ich nämlich eigentlich gar nicht imstande. Euch sollte klar sein, dass ihr gerade den Artikel eines Verfassers lest, der in seiner Kindheit im Musik-Unterricht mit der Kuhglocke in der Hand endete, wenn die Lehrerin die Parole ausgab: „Jeder nach seinem Können“.

[„Warum schreibst du dann über ein Musikspiel?“ …. „Ruhe auf den billigen Plätzen, verdammt!“]

So. Auf dem Bildschirm fliegen euch Symbole entgegen, die Noten repräsentieren sollen. Im richtigen Moment gespielt, erzeugt ihr nicht nur Töne, sondern gleich ganze Tonspuren im Spiel. Jedenfalls in den niederen Schwierigkeitsgraden (die höheren sind für mich noch unbekanntes Terrain) und in dem Fall, dass ihr überhaupt ein richtiges Instrument spielt. Neben der Gitarre (bzw. dem Bass) und dem Schlagzeug gibt es ja auch noch das Mikro.

Das Manko bei so viel Zubehör ist natürlich die Sperrigkeit der Geräte (vor allem des Schlagzeugs), aber auch der Preis ebendieser. Das Spiel kostet 50 Euro – und ist ohne Hardware schon mal gar nicht spielbar. Die gibt es derzeit im Dreierpack für 140 Euro – wer was auf sich hält, kauft natürlich noch die zweite Gitarre separat dazu, womit wir schon bei über 240 Euro wären. Und das Spiel preislich in Konkurrenz zu einer neuen Konsole tritt. Immerhin scheint EA die Proteste während des Launchs der Xbox360-Fassung vernommen zu haben und vertreibt nun nicht mehr jedes Gerät einzeln.

Das Tolle wiederum ist der einzigartige Spielgenuss, der sich beim Benutzen der teuren Anschaffung einstellt. Der Name „Rockband“ ist Programm – mit mehreren Leuten, die man aufgrund der einfachen Zugänglichkeit auch nicht lange bitten muss, macht der Titel unglaublich viel Spaß und teilweise auch den alteingesessenen Multiplayer-Granaten wie Mario Kart und Smash Bros. das Leben schwer. Besonders dann, wenn man mit Leuten spielt, die sonst eher weniger mit Videospielen zu tun haben. Und mit Musik.

Das konnte ich bei mir selbst feststellen, aber auch bei den Leuten, die ich zu einer Runde virtuellen Musizierens eingeladen hatte. Die „richtigen Musiker“ tendieren „leicht“ dazu, die Plastik-Gitarre mit einem Naserümpfen zu bedenken oder auch schon mal das ganze Konzept infrage zu stellen. Warum investiert man seine Zeit nicht darin, gleich richtig Musik zu machen? Die Frage stellt sich zwangsläufig, vielleicht auch deshalb, weil man für den Preis des Spiels ein echtes Instrument bekommen könnte. Diese Diskussion ist allerdings ein Fass ohne Boden [Ist es in Ordnung, sich dort virtuell auszuleben, wozu einem im richtigen Leben lediglich die Disziplin oder sonstige Einstellung fehlt? Nochmal von vorne, denn wir wollen ja keine Allgemeingültigkeit für diese Ideen einfordern, alleine schon deshalb, weil diese unmöglich ist: Ist es also für mich in Ordnung, wenn ich mich dort virtuell auslebe, wozu ich sonst zu faul und ungeduldig wäre? Hab ich denn keinen Drang dazu, mein Potenzial ansatzweise auszuschöpfen? Glücklicherweise ist es ja nicht so, dass die Frage bei Spielen generell aufgeworfen wird. Würde ich jemanden schräg angucken, nur weil er gerne mit Schwert und Schild bewaffnet unzählige Orks abmurkst? Nein! Unrealistische Dinge zu erleben, dafür sind Videospiele doch da! Dann allerdings wird mir manchmal unwohl, wenn ich sehe, wie in der Realität mögliche Dinge (die sich sogar mit wenig Anstrengung realisieren lassen! …lassen könnten! …wenigstens rein theoretisch!) plötzlich in einem verkrüppelten Hybrid-Aufzug daherkommen, Stichwort: Shootpads. Mal abgesehen davon, dass Fußball derzeit einfach noch nicht wirklich realistisch simulierbar ist und ich bei diesem Beispiel viele viele Aspekte vernachlässigen muss und sich viel mehr Fragen auftun, als ich unmöglich in dieser eingeschobenen Klammer stellen, geschweige denn beantworten könnte… Wohin soll denn das alles führen? Fange ich eines Tages an, mir einen muskulösen Avatar zu erstellen, nur weil mir mein Körper nicht gefällt und Sporttreiben zu lästig wäre? Esse ich virtuell dann nur noch vegetarisch, weil das einfacher durchzuhalten ist als in der Realität? Designe ich mir eine Freundin, die meine Wünsche eher erfüllt als richtige Menschen? (für Eingeweihte: das Beer-Activated Girl)]. Um wieder auf das Thema zurückzukommen: die Diskussion wäre ein Fass ohne Boden. Rock Band dagegen ist es nicht.

Nein, ein Fass ohne Boden ist Rock Band vom spielerischen Inhalt her nun wahrlich nicht. Es gibt zwar mehr als 60 Songs und jeden davon in vier unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, im Vergleich mit den Versionen für die anderen Konsolen sieht die Wii-Fassung jedoch aus wie hingerotzt. Die fehlende Online-Unterstützung ist nur mit dem Worte „Frechheit“ treffend zu bezeichnen. Was zur Anfangsphase der Konsole vielleicht noch vertretbar gewesen wäre, ist – spätestens nachdem Guitar Hero III es bereits im letzten Jahr erfolgreich vorgemacht hat – absolut unverständlich. Was hatte EA-Chef John Riccitiello Mitte 2007 nicht groß und reuig von einer Kursänderung gesprochen: bei Rock Band sieht man diese überhaupt nicht. Oder zumindest nicht qualitativ, denn wer weiß, ob das Spiel sonst überhaupt für die Wii erschienen wäre. Ohne neue Songs und ohne Motivation zur Selbstverbesserung ist man im Singleplayer-Modus nach Erspielen aller Lieder durch, viel Drumherum wie kreativen Freiraum bei der Gestaltung von Outfits oder Charakteren gibt es nicht. In dem Punkt wird das Spiel sogar noch von Hannah Montana Music Jam übertroffen, und das war immerhin für den DS. Und mit Hannah Montana. Aber nichts für ungut.

Die Songauswahl empfinde ich persönlich als gelungen, ist aber mehr als alles andere geschmacksabhängig. Deshalb sollte, wer „nur“ eine Wii sein Eigen nennt, vielleicht erst einmal einen Blick auf die Tracklist werfen, bevor er sich für den Kauf entscheidet, oder gleich ganz auf den Nachfolger warten, von dem man erwarten darf, dass er auch Online-Modi und Download-Inhalte bieten wird. Multikonsoleros wird die Wahl bei diesem Spiel erheblich vereinfacht.

Für mich stellt sich jetzt nur noch die Frage, ob Creep von Radiohead wirklich partytauglich ist.

7 Antworten zu “Rock Band”
  1. Also ich fand ja die Musikauswahl nicht so dolle. Von den ganzen Stuecken, die im Spiel waren, kannte ich, glaube ich, fuenf und mitgekommen [Gesang] bin ich dann vielleicht bei dreien [wenn ueberhaupt] und nicht vor Ende des Liedes gestorben bin ich bei einem.

    Immerhin hat es niemand gewagt, sich ueber meine Interpretation von “Run to the Hills” lustig zu machen…

    Dennoch: Mehr ‘gute’ Lieder haetten das Spiel meiner Meinung nach – insbesondere natuerlich den Gesangspart – definitiv aufgewertet [fuer Schlagzeug war ich uebrigens gleich ganz zu bloede und Gitarre war bei den anderen Spielern - uebrigens auch einigen tatsaechlichen Gitarristen; den einzigen, die's dann auch wirklich konnten - zu beliebt, als dass ich sie ausprobieren konnte... andererseits wollte ich das auch nicht wirklich].

  2. Ich kannte auch nicht alle Lieder, aber mich stört dieser Umstand überhaupt nicht. Im Gegenteil: wie du weißt, ist meine Aufmerksamkeitsspanne was Lieder angeht eine sehr kurze. Durch das vollständige Spielen der Lieder muss ich mich mit ihnen auseinandersetzen und gewinne dabei vielleicht ein paar neue Songs, die mir gefallen, hinzu. Dass einem nicht alle gefallen und du da sowieso kritischer bist als ich, wen überraschts :p Deshalb wiegt ja auch das Fehlen des DLC so schwer…den Gesangspart kann ich nicht bewerten, weil ich den noch nie übernommen habe, dafür rult das Schlagzeug viel zu sehr!

  3. Schlagzeug ist soo doof… ueberhaupt finde ich es btw eine Frechheit, dass man nicht zwei Gitarren bekommt – schliesslich gibt es bei den Liedern auch Gitarre UND Bass. Und ueberhaupt.

    Dass man beim ‘normalen’ Spielen mit Instrumenten eh immer auf die Anzeige achten muss, ist ja klar… aber beim Singen ist das noch mal was anderes… ich zumindest kann nicht von irgendwelchen wirren Text-/Karaoke-Anzeigen ablesen, wie man das nun genau singen soll oder wie der Takt ist oder was man sonst noch so wissen muss.

    Von daher ~> unbekannte Lieder = No-Go!

  4. Action_Boo meint:

    Letztendlich ist es wie Tetris, nur etwas weniger intelligent. Schneller auch nicht, wenn man sich Tetrifast und Cultris zu Gemüte führt. Demnach ist es eigentlich nichts, außer sich vordefiniert zu irgendwelcher Musik zu bewegen. Aber nicht tanzen… Es ist weniger als tanzen…
    Eigentlich ist es nichts. :-)

    Beschäftigt euch mal mit Wii Music, das finde ich da schon viel interessanter!

  5. Mir fehlt dazu momentan die noetige Wii. Oh, und das noetige Interesse natuerlich.

  6. ich finde die songauswahl bei rockband um einiges besser als bei guitarhero. vor allen guitarhero 4 ist da recht schwach, was aber durch den kommenden DLC hoffentlich ausgebessert wird. der DLC von rockband ist absolut großartig. vor allen dingen das komplette blood sugar sex magic von den red hot chili peppers ist wahnsinnig gut.

  7. Hm naja. Das meiste, was ich von Rock Band so gesehen – respektive gehoert – hab, kannte ich nicht mal. Und das, was ich kannte, eignete sich zu 50% nicht wirklich zum Singen bzw. war nichts, was ich gerne gesungen haette. Aber mir ist das ganze im Grunde eh zu teuer…

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