Nachdem ich eigentlich über das exorbitante Psychonauts schreiben wollte, allerdings viel zu vergesslich und faul dafür war, demzufolge nicht alles Erwähnenswerte im Review hätte erfassen können (vorläufige Anmerkung: HOLT EUCH DIESES SPIEL), müsst ihr also nun mit einem Bericht zum Wii-exklusiven MadWorld, das in Europa am 20. März dieses Jahres erschien, vorliebnehmen. Natürlich erschien es nicht in Deutschland – dank des jahrelangen aufopferungsvollen Einsatzes unserer Presse und Politiker machte Sega bei der Veröffentlichung einen großen Bogen um dieses Land und ersparte allen Interessierten den geringeren Aufwand eines Nichtimports sowie dem deutschen Staate zusätzliche Steuergelder und was nicht sonst noch alles wirtschaftlich daran hinge.

Aber ich will ja fair bleiben: auch Japan ging leer aus. Man ging beim Publisher von vornherein davon aus, dass das Spiel aufgrund der extremen Gewaltdarstellung nicht für alle Märkte geeignet sei.

Dabei, so finde ich, zeugt diese Einstellung entweder von Unkenntnis der Materie oder Angst vor der Unkenntnis anderer (vermutlich aber letzteres): wer sich mit MadWorld beschäftigt, wird feststellen, dass die Gewalt zwar in gewisser Weise zelebriert wird, letztendlich jedoch so übertrieben inszeniert ist, dass das Spiel einen geradezu mit der Botschaft erschlagen möchte: „Nehmt das alles nicht so ernst“. Der Vergleich mit Tom & Jerry durch Eurogamer.net ist keineswegs fehl am Platze. Wenn Bosse Helikopter vom Himmel holen und nach euch werfen, man selbst Gegner wie Dartpfeile behandeln soll oder bestimmte Charaktere in Form eines Running Gags in jedem Level aufs Neue von ihren Assistentinnen um die Ecke gebracht werden, dann hat das nicht mehr viel mit Ernsthaftigkeit (geschweige denn Realität) zu tun. Dafür sorgt auch der von Sin City inspirierte Grafikstil, der zunächst einmal comicartig und dann auch noch hauptsächlich in Schwarz-Weiß gehalten ist.

Zu verdanken haben wir dieses abgedrehte und mit tiefschwarzem Humor gespickte Spektakel einem Studio aus Osaka, das unter dem Namen Seeds gegründet wurde und inzwischen (nach Fusion) Platinum Games heißt. Und natürlich den Leuten von Sega, die den Kreativdrang der dort Tätigen unterstützen. Beide Seiten einigten sich auf eine drei Spiele umfassende Kooperation. Neben MadWorld stehen dieses Jahr außerdem Bayonetta (Action, PS3/Xbox 360) und Infinite Space (RPG, DS) an. Jetzt mag man sich fragen, wieso Sega ausgerechnet diesem Studio anscheinend so bedingungslos in seinem Schaffensdrang zur Seite steht, in Zeiten, wo man auf dem System des Marktführers auch mit minderwertigen Fortsetzungen seiner einst gloriosen Vorzeigereihe vermutlich Kohle scheffeln kann wie nichts Gutes (und darum geht es vielen Entscheidungsträgern wohl meistens, wobei ich das im Speziellen Sega nach dem Shenmue-Zwischenfall nicht besonders verübeln möchte), und innovative Projekte (nein, nicht wie Wii Fit) schlichtweg im Sand stecken bleiben, respektive: in den Regalen liegen wie Blei.

Die Antwort zu der Frage steckt im Team von Platinum Games, denn dieses rekrutiert sich aus nicht wenigen namhaften ehemaligen Capcom-Mitarbeitern. Wenn vielleicht auch nicht jeder von Atsushi Inaba, Shinji Mikami, Hideki Kamiya oder Masami Ueda gehört hat, so sagen einem doch wohl Titel wie Resident Evil, Viewtiful Joe, Okami oder Devil May Cry mit Sicherheit eine Menge. Oder zumindest etwas. Ganz hinten in einer verstaubten Ecke der eigenen biologischen Festplatte vielleicht. Wenn nicht, dann lest ihr das falsche Blog. Dann wäre es auch überflüssig zu erwähnen, dass Yasumi Matsuno zum Teil für die Story verantwortlich ist (Vagrant Story? Bzw. Final Fantasy XII, für die Jüngeren). Der Grund für die Trennung von Capcom war übrigens (man höre und staune) die Perspektivlosigkeit für neue Projekte – die hundertste Resident Evil-Neuauflage hat eben Vorrang vor frischen Ideen.

Mit Hintergrundinfos um mich geworfen? Check.
Die Leser eindringlich zum Kauf von Psychonauts aufgerufen? Check.
Schon zur Sache gekommen? Not yet achieved.

Ich werde den Inhalt von MadWorld anhand der Negativpunkte abhandeln, weil sie so schön ambivalent sind und sich auch an einer Hand abzählen lassen.

Als da wären:

Die zu kurze Spielzeit: nur vier bis fünf Stunden unterhält euch der Erstdurchgang, für den zweiten gibt es lediglich ein paar „schäbige“ Waffen wie die doppelte Kettensäge und ein zur Abwechslung mal fordernder Schwierigkeitsgrad. Nicht mit mir! Wer hier mit dem gelungenen Pacing argumentiert, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sowieso nur ein fauler Spiele-Entwickler.

Die hakelige Kamera: ein einziger Kamerabutton, weil alles andere für Kampfbefehle benötigt wird? So haben wir nicht gewettet! Viele Spiele brauchen einfach ein Mindestmaß an Steuerungsmöglichkeiten für die Kamera, damit man seinen Charakter stets gut im Blick hat. Die dauerhafte Zentrierung direkt hinter dem Charakter ist nicht besonders glücklich (ein Problem, das auch Dead Space angedichtet wird, welches ich aber bisher noch nicht gespielt habe). Es muss ja nicht gleich so enden, dass man fortan zwischen hunderten Kameraeinstellungen wählen kann, wie man seinen Charakter am liebsten betrachtet, während er vom Mob verprügelt wird, weil zufällig kaum eine Taste eine sinnvolle Gegenwehr eröffnet. Als Ausgleich dafür habe ich bei MadWorld gleich mehrere realitätsnahe Bewegungsmöglichkeiten, meinen Feinden zu zeigen, wer der Herr im Haus ist. Inklusive der tollen Brumm-Brumm-Geräusche aus der Wiimote, die zwar passen, aber dann doch irgendwie die Batterien zu sehr belasten (optional abschaltbar).

Der nächste Punkt ist der drohende Augenkrebs durch einen vermeintlich künstlerisch anspruchsvollen Grafikstil: wir wissen doch alle, dass die Entwickler bloß farbenblind sind und das Ganze schon bei Sin City nur ein glücklicher Zufall war. Wer hier intendierte Gameplay-Elemente sieht, meint wohl noch, dass die Farben Rot und Gelb irgendeinen Sinn machen würden… ts, ts. Also wirklich. Ein wenig mehr Erkennbarkeit bestimmter Objekte in manchen Abschnitten hätte aber schon gut getan.

Punkten (durch möglichst brutales Vorgehen) auf Zeit: wer hier Parallelen zu seinem Sexualleben findet, darf diese Erkenntnis gern für sich behalten – anderweitig festgestellte Parallelen sollen natürlich nicht die Gesellschaft aufs Korn nehmen und einfach nur Spaß ohne viel Nachdenken bringen, sondern dienen einzig und ausschließlich der Ausbildung neuer Amokläufer. Wer zwischendurch sein Hirn anschaltet, kriegt eine durchaus solide Story geboten und wird eventuell sogar die eine oder andere Anspielung auf andere Games finden. Böse Zungen behaupten dagegen, Figuren wie Big Eddie seien gar keine Hommage an Resident Evil 4, sondern allenfalls Ausdruck von Einfallslosigkeit und damit Recycling.

Weil MadWorld zwischen diesen Extremen wandelt, gehe ich davon aus, dass es die Spielergemeinschaft spalten wird. Natürlich nicht grundlegend und ernsthaft, aber doch in dem Sinne, dass viele extrem bejahende Fans vielen total abgeneigten Spielern gegenüberstehen werden. Ich halte mich da locker flockig raus und betrachte es als absolut kurzweiligen, allenfalls sehr dem Hype zum Fraß vorgeworfenen Titel. Ein wenig repetitive Elemente gibt es trotz aller Abwechslung nämlich durchaus. Und den Multiplayer-Modus, der lediglich die Death-Challenge-Minigames beinhaltet, kann man auch getrost in die Tonne kloppen. Letztendlich bleibt mir nur zu sagen, dass es Spiele wie MadWorld sind, nach denen man Ausschau halten muss, wenn man nicht möchte, dass wir in ein paar Jahren alle nur noch GTA oder Fifa spielen. Oder Hello Kitty auf dem Ponyhof Deluxe („Jetzt auch mit spitzen Gegenständen!“), wenn die USK erst ein Teil der Regierung geworden ist, und diese über Zumutbarkeit des Inhalts entscheidet. Das alles heißt nicht, dass man jedes innovative Projekt gut finden oder gar kaufen muss. Das gilt dann nur für Psychonauts.

3 Antworten zu “MadWorld”
  1. Toller Bericht, aber ich glaube, das Spiel dürfte nicht so mein Fall sein. Damit hast du wohl Recht, dass das Spiel die Spielergemeinschaft spalten dürfte ;)!

  2. Also ich fuehle mich noch nicht gespalten, aber ich habe das Spiel auch noch nicht vollstaendig gespielt.

  3. Die hakelige Kamera ist für mich auch problematisch. Ich bin aus anderen Spielen unterschiedliche Betrachtungswinkel gweöhnt und möchte das auch hier nicht missen. Hat leider nicht sein sollen…….

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