Estuans interius ira vehementi
Diskrepanzen gibt es bekanntlich viele im Leben. Beim eigenen Lieblingssportverein etwa, bei dem zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer eine derart große Lücke klafft, dass man den Sportteil seiner Zeitung meidet wie ein Vollblut-Zocker das Sonnenlicht oder der Casual-Gamer gute Spiele. Mwahaha. Die Diskrepanz, von der ich im Folgenden berichten möchte, bezieht sich dagegen auf den Unterschied zwischen meiner eigenen ursprünglichen Wahrnehmung und dem, was ich nun als Realität anzunehmen bereit bin. Und nein, Kants Kritik der Urteilsfähigkeit lassen wir jetzt mal schön außen vor!
Ich war einem fürchterlichen Irrtum aufgesessen. So viel sei schon mal gesagt. Man könnte es wahrscheinlich nur mit „ein Brett vorm Kopf haben“ treffend beschreiben. Da dachte ich doch tatsächlich, Final Fantasy VII sei überbewertet! Überhypt! Und insgesamt zwar ein gutes, letztendlich jedoch kein herausragendes Spiel! Zahlreiche gegenteilige Meinungen ließen mich zunächst höchstens an der Kritikfähigkeit meiner Mitmenschen zweifeln, wird doch ein Haufen Exkremente auch dadurch nicht besser, dass eine Milliarde Fliegen ihn köstlich findet. Oder so ähnlich. Advent Children half nicht unbedingt weiter, denn das Konzept, den bereits einmal besiegten Bösewicht gegen Ende kurz hinzuzurufen, zu besiegen und somit der Welt ihren ursprünglichen Zustand wiederzugeben, ist allenfalls gehobenes Hollywood-Niveau (folglich also schlecht!). Spätestens bei Clouds Kingdom Hearts 2-Intermezzo dämmerte mir dann doch, dass ich irgendwas verpasst oder nicht verstanden haben musste. Immer noch diese unglaubliche Faszination? Sephiroth mag ja cool sein, aber gleich deswegen so ein Tamtam darum machen?
Dann kam die Zeit, in der Final Fantasy VII, begünstigt durch einen schmalen Geldbeutel und die Unerreichbarkeit meiner tollen Import-Games aufgrund einer kaputten PS2, plötzlich wieder ganz verlockend aussah. Folglich wurde die altgediente PSone ausgegraben, Shinra zur Hölle gejagt, Cloud zum Teil aus seinem inneren Zwiespalt geholfen und Sephiroth mit Omnischlag der vermeintliche Todesstoß gegeben. Und es war herrlich. Die Chocobo-Zucht sowie die meisten Side-Quests habe ich allerdings ausgelassen, die Viecher waren schon beim ersten Mal nicht so paarungswillig, wie sie sein sollten. Damit hab ich jetzt zwar wertvolle Spiele- und Lebenszeit in ein Spiel gesteckt, das ich eigentlich schon kannte und vor noch gar nicht so langer Zeit das letzte Mal gezockt hatte, bin aber auch um einige Erkenntnisse und ein weiteres Lieblingsspiel reicher. Ich kann mir letztlich nicht erklären, warum ich nicht beim ersten Mal schon auf das Spiel angesprungen bin. Vermutlich hätte ich mir mehr Zeit nehmen müssen, um nicht erst jetzt zu erkennen, dass es in keinem anderen Final Fantasy so viele sympathische und mitreißende Charaktere (zumindest in keinem von mir bisher gespielten, beinhaltend die Teile IV bis X) gibt. Auch wenn Cecil, Squall und Vivi natürlich ihre ganz eigenen Vorzüge haben.
Was bleibt sind Eindrücke voller Ästhetik und Gänsehaut beim Hören von Songs wie One-Winged Angel (ganz besonders natürlich bei der Stelle, an der der Chor einsetzt), der Oberweltsmusik oder Jenovas psychedelisch anmutender Begleitmelodie. Sowie ein kennendes und verstehendes Lächeln, wenn einem wieder mal eine Cosplayerin mit Blumenkorb über den Weg läuft. Aeris gewaltsamer Tod, der mir beim ersten Mal noch so unglaublich schlecht umgesetzt schien, so überhaupt keine Emotionen zu wecken vermochte, oder auch Sephiroths Wandlung, die vielen storytechnischen Raffinessen, Tifas Gefühle für Cloud – all das erscheint in einem so unglaublich anderen Licht, um so viel mehr nachvollziehbar, dass ich mich fragen muss, wo ich eigentlich beim Erstdurchgang mit meinen Gedanken war. Es bleiben weitere Fragen. Wie kann ein solch großartiger und vielschichtiger Titel in unserer Kulturgesellschaft (mal abgesehen von selbstredend höchst „elitären“ Videospielern und solchen, die es mal waren, werden wollen oder zumindest so tun, als wären sie es) beinahe unbekannt sein, gerade auch vor dem aktuellen Hintergrund des Ausnutzens natürlicher Ressourcen? Mit der Nennung von Final Fantasy VII als „Gewaltvideo“ im Hamburger Abendblatt geb ich mich ehrlich gesagt nicht zufrieden. Und wieso stört man sich eigentlich auch noch an den kleinsten Sachen, wenn das Gesamtprodukt doch im Vordergrund stehen sollte? (Tifas am Ende gespaltener und dadurch total hässlicher Zopf zum Beispiel! Allein deshalb sollte es schon ein Remake geben!). Und bin ich jetzt bloß ein Opfer des Mainstreams? Und ist Vincent Valentine nicht die coolste Sau auf diesem gottverdammten Planeten?
Auf meinen internen Ranking-Listen im Bereich PS1-Spiele steht Final Fantasy VII mittlerweile auf Platz 1. Noch vor Grandia, Chrono Trigger und Koudelka. Und das wird vermutlich noch lange so bleiben – zumindest bis ich mal ein Xenogears in die Finger bekomme.



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Sehr schön, dass noch jemand FFVII erwähnt und es sogar in letzter Zeit gespielt hat!!!!!!!!
Eines meiner absoluten All-Time-Favorits (wieso gibt es solche gnadenlos spannenden Soties heutzutage nicht mehr, wieso kann ich nicht mehr derart in einer Welt versinken und meine Mitstreiter lieben lernen?!?!?!!??`!?!??!).
Hab das Game lange nicht mehr gezockt (im Gegensatz zu z.B: System Shock 1, dem Urvater der heutigen Action-Adventures mit RPG Touch), aber kann die Spielstunden immer noch nicht vergessen!!!
Ich hab eigentlich immer noch das Gefühl, dass ich dem Spiel mit dem Text nicht gerecht werde. Eigentlich fehlt hier noch, dass solche Spiele DER Grund sind, weshalb Videospiele einfach als Kunst anzusehen und mehr als nur ein tolles Hobby sind (was so unglaublich viele Menschen nicht zu verstehen scheinen). Und dass ausgerechnet solche Spiele in Verruf geraten (s. Hamburger Abendblatt, dessen Redakteure mir eigentlich immer recht kompetent erschienen) ist eigentlich einfach nur noch traurig (dass die Bild-Zeitung da auch mitmacht, entspricht wahrscheinlich einfach nur ihrem Naturell bzw. sollte einen ja sowieso nicht überraschen).
Tse… ich erinner mich noch dran, wie du meintest: “Ich weiss gar nicht, was alle an FF7 so toll finden.”
Schön, dass das mal erwähnt wird!
Man muss gar nicht viel sagen, schon die Zeit, bis man zum ersten mal selbst etwas controllieren kann, gibt mir jedes mal eine Gänsehaut. Kunst ist das richtige Wort.
(Wobei, du solltest das Ding mal auf deutsch zocken… die Übersetzung ist schrecklich…)
Aber du musst auch zugeben: wäre das Game vollends durchdacht gewesen, müsste es nun nicht die ganze Sequels und Prequels in aller möglicher Form geben.
Trotzdem eines meiner Lieblingsgames, wobei ich aus dieser Reihe FF9 gleichwertig und FF6 sogar noch besser fand. Bei der 13 wärs übrigens mal wieder Zeit für einen Hammer, die letzten waren nämlich alle… naja. :-)
Messlatte bleibt trotzdem Xenogears (von mir aus auch nur CD1), da kann kein FF Game, kein Chrono Trigger, Tales of irgendwas oder irgendwas anderes mithalten. :-D
Auch nicht FF7.
Also dass die anderen Teile & Anhaengsel zu Final Fantasy VII erscheinen, hat meines Erachtens eher wirtschaftliche Gruende… das Spiel an sich ist imho gut so, wie es ist, da ist auch keine Fortsetzung noetig [was uebrigens eine der tollen Sachen an Final Fantasy
istwar]. FF9 ist auch toll.Zur deutschen Uebersetzung braucht man wohl nichts mehr sagen… die verdient den Aufwand auch gar nicht.
Xenogears muss ich auch noch mal spielen. Wenn mein Fernseher doch nur 60Hz auf PSX koennte :(
Naja, ich sage mal: Das eine bedingt das andere.
Dadurch, dass das Game ein paar Lücken in der Story hatte, gibt es viel Diskussionsstoff, der eine Erwartungshaltung hervorruft, die natürlich gerne aufgegriffen wird, um nochmal ordentlich Geld zu machen.
Das “müssen” in Bezug auf die Existenz der anderen Spiele/Film/etc. ist natürlich ein zu starkes Wort. Ich bin ja eigentlich froh, dass diese Kuh noch gemolken wird. ;-)
Ach ja: Kauf oder leih dir nen anderen Fernseher oder emuliere! Xenogears hat den besten Plot aller Spiele, die ich kenne und wahrscheinlich aller Spiele die es gibt und auf lange Zeit geben wird. Ich war von dem Teil so geflasht, dass ich nach dem ersten durchzocken nochmal das Skript gelesen hab und den Soundtrack gezogen! Das ist ein Muss. :-)
Also ich mag ja Geschichten, bei denen nicht alles [sofort] klar ist und am Ende noch Unklarheiten uebrigbleiben. Da die ganzen Fortsetzungen auch nicht sonderlich gut sein sollen, finde ich sie eher ueberfluessig – andererseits bin ich sowieso kein grosser Fortsetzungs-Fan.
Wenn du mir deinen leihst, gerne. Fuer einen neuen hab ich kein Geld und emulieren tu ich aus Prinzip nicht :p