Ohne große Umschweife möchte ich euch an dieser Stelle von dem PS2-Spiel Fahrenheit erzählen, von dem ich meine, dass es zwar nicht perfekt ist, aber letztlich doch so interessant, dass eine „Würdigung“ hier nicht verkehrt sein kann. Nicht zuletzt deshalb, weil es mich gespannt gemacht hat auf den indirekten Nachfolger namens Heavy Rain (derzeit als PS3-exklusiv angekündigt).
In Nordamerika aufgrund der Namensverwandtheit mit einem Film Michael Moores und der damit wohl auch verbundenen negativen Assoziationen als Indigo Prophecy veröffentlicht, bietet euch dieses Spiel eine wahnwitzige Geschichte um einen Mord, hinter dem sich (natürlich) mehr verbirgt, als man zunächst vermuten würde.
Der Tatort ist dabei Doc’s Diner, ein kleines Restaurant mitten im verschneiten New York eines kalten Januar-Abends. Auf der Herren-Toilette bringt Lucas Kane gerade einen anderen Kunden mit gezielten Messerstichen um – jedoch nicht willentlich, denn kurz nach der Tat erwacht er aus einer Art Trance und ihr übernehmt die Kontrolle. Ob ihr nun zunächst alle Spuren verwischt oder gleich hinausrennt, bleibt euch überlassen. Das Spiel bietet euch viele dieser Momente, in denen ihr euch zwischen verschiedenen Optionen entscheiden könnt – grundsätzlich gilt aber, dass ihr nie in richtigen Sackgassen landen werdet. Bei drei verschiedenen Enden ist es sowieso schwierig, von einem richtigen oder falschen Weg zu sprechen. Allerdings haben viele Entscheidungen Einfluss auf die Psyche der handelnden Person – und erreicht der zuständige Balken den Nullpunkt, bringt sich der Charakter selbst um oder zieht sich anderweitig aus dem Verkehr.
Meist übernehmt ihr abwechselnd die Kontrolle über die drei Hauptcharaktere: der bereits erwähnte Lucas Kane wird von einem Polizisten-Duo verfolgt, das ihr ebenfalls spielen könnt. Carla Valenti und Tyler Miles gehen dabei all‘ den Hinweisen nach, die man nicht mehr beseitigt hat, befragen Zeugen und recherchieren über Hintergründe. So lernt man von verschiedenen Seiten über den Fall und auch über die Charaktere selbst. Sie alle haben mental mit den Geschehnissen zu kämpfen und bekommen teilweise persönliche Probleme deswegen. Lucas‘ Bruder Markus ist ebenfalls kurz spielbar, ebenso wie eine Kindheitsversion von Lucas in den Passagen, die einen mehr über seine Vergangenheit erfahren lassen.
Häufig wird Fahrenheit als interaktiver Film bezeichnet. In Gesprächen mit anderen Personen hat man sich innerhalb einer bestimmten Zeit für bestimmte Stichpunkte oder Antworten zu entscheiden, die vom Charakter dann an- oder ausgesprochen werden. Actionsequenzen verlaufen nach einem etwas abgewandeltem Prinzip: im Nahkampf mit einem Gegner etwa könnt ihr nicht selbst die Moves auswählen, sondern müsst bestimmte Buttonkombinationen ausführen. Wem die Zeitspanne dabei zu kurz ist, der kann den Schwierigkeitsgrad auch herunterschrauben. Wirkt dieses System anfangs noch gut durchdacht, fällt einem während des Spielverlaufs die Eintönigkeit dieser Umsetzung auf. Auch die restliche Steuerung ist nicht perfekt, die Charaktere wirken etwas behäbig, während bei Wechseln der Kameraperspektive nicht selten Verwirrung gestiftet wird. In diesem Licht wäre der Umstand, dass das Spiel auch nicht besonders lang ist, ja fast schon etwas Positives.
Dann wiederum gibt es die Stärken, die man in dieser Form wohl nur von wenigen anderen Games her kennt. Die relativ kurze Spieldauer wird ausgeglichen durch die generelle Ausrichtung auf mehrmaliges Durchspielen, wer alles sehen will, wird sich schon Zeit für mehrere Durchgänge nehmen müssen. Mehr oder weniger versteckt gibt es auch Bonuskarten in den Levels, die Punkte für das Freischalten von zusätzlichen Inhalten bringen. Die Atmosphäre fand ich gelungen: mit fortschreitendem Spielverlauf versinkt die Stadt immer weiter im Schnee, die Kälte nimmt zu und symbolisiert damit passend die zunehmende Bedrohung der Charaktere sowie auch das Fortschreiten der Geschichte. Die Umgebung vermittelt ein Gefühl der Einsamkeit (Melancholie?), das auch von der musikalischen Untermalung gut unterstützt wird. Highlights in atmosphärischer Hinsicht gibt es gleich mehrere: etwa, wenn Lucas des Nachts aus seinem Schlaf erwacht und die Tür zum angrenzenden Wohnzimmer spaltbreit geöffnet ist (was sie nicht sein sollte) und man sich entscheiden kann zwischen Weiterschlafen oder Erkunden. An anderer Stelle seht ihr in einer Art Vision, die mit einigen Ungereimtheiten aufräumt, was vor dem Mord im Restaurant geschah. Oder ihr besucht als Carla Valenti ein Irrenhaus, in dem plötzlich der Strom und damit das Licht ausfällt, alle Zellentüren geöffnet werden und ihr euch euren Weg hinaus bahnen müsst, während nicht nur Stimmen aus der Dunkelheit auf euch zukommen…
Das Spiel, entwickelt von dem französischen Entwicklerstudio Quantic Dream, wurde 2005 von Atari veröffentlicht. Es ist eines der wenigen Spiele, bei denen die deutsche/europäische Version gegenüber der nordamerikanischen absolut vorzuziehen ist. Die Indigo Prophecy-Variante wurde nämlich geschnitten – weshalb, das kann man sich ja bei in den USA geschnittenen Spielen denken. Ein späterer Re-Release in Form einer ungeschnittenen Download-Version mit dem Namen Fahrenheit: Indigo Prophecy Director’s Cut ist dennoch zu vernachlässigen, da die deutsche Version im Grunde eine ganz passable Synchronisation und weitere Sprachen anbietet.
Ich habe mir das Spiel vor allem aufgrund der neuartigen Präsentation zugelegt. Und anfangs bin ich auch vollauf zufrieden und überzeugt davon gewesen, dass ich hier ein wunderbares Beispiel für gutes Geschichtenerzählen in Videospielen vorliegen hatte. Dem war dann letztendlich aber doch nicht so. Neben der Mechanik, der es, wie bereits gesagt, an Abwechslung mangelt, wirkt die Story ab der zweiten Hälfte des Spiels irgendwie lächerlich und an den Haaren herbeigezogen, und je näher man dem Ende kommt, desto mehr kommt einem die Verstrickung Kanes stümperhaft zusammengeschustert vor. Die Story zu Fahrenheit stammt übrigens aus der Feder von Quantic Dream-Gründer David Cage, der auch die Entwicklung leitete und dies ebenfalls bei Heavy Rain: The Origami Killer tun wird bzw. bereits tut. Es bleibt zu hoffen, dass man aus den Fehlern bei Fahrenheit gelernt hat und dies entsprechend bei der Entwicklung von Heavy Rain berücksichtigt.



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Fahrenheit wird mir wohl wie auch anderen lange als eines der geilsten Games auf der PS2 in Erinnerung bleiben. Ich kann mich kaum entsinnen, jemals bei einem Spiel so gespannt gewesen zu sein, wie es wohl weiter geht. Da saß ich jedes Mal aufgeregt auf Arbeit und habe gehofft, dass die Zeit schnell vergeht um endlich weiter zu spielen.
Thx für den Comment! Und sorry für die späte Antwort…
Ich finde auch, dass Fahrenheit es ganz gut schafft, den Spieler in seine Welt hineinzuziehen. Die Atmosphäre trägt das Spiel hervorragend. Heavy Rain ist deswegen auch einer der ganz wenigen Titel, die mich auf den aktuellen Konsolen reizen. Da ich momentan aber eher weniger spiele und dann vor allem ältere Titel, wird es noch eine Weile dauern, bis ich dazu komme.